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Dienstag, 4. August 2026

Genderspezifische Migration – ein Ansatz, der funktioniert?

Migrantinnen in Tatarstan
Ein Moskauer Journalist reist in die russische Teilrepublik Tatarstan, um sich persönlich von dem zu überzeugen, worüber die Zeitungen immer häufiger berichten: von den unerwartet erfolgreichen Erfahrungen mit Arbeitsmigration und Integration. Auf den ersten Blick sieht alles fast wie immer aus: die gewohnte Auswahl an Herkunftsländern, handwerkliche Berufe, junges Alter. Es gibt nur einen Unterschied, und dieser erweist sich nun als entscheidend – nur junge Frauen können als Migrantinnen aufgenommen werden:

In Tatarstan befindet sich eine besondere Wirtschaftszone – eine ganze Industriestadt mit einer Fläche von rund 4.000 Hektar. Überall entstehen neue Produktionsanlagen, Lastwagen fahren im Minutentakt, Bagger bewegen Erde, Kabel werden verlegt. Die Atmosphäre erinnert an die großen Aufbaujahre der Sowjetzeit: Mit hohem Tempo wird an der Zukunft gearbeitet.

Eine starke Industrie braucht viele Arbeitskräfte. Ein Teil der Beschäftigten kommt aus den nahegelegenen Städten Jelabuga, Nabereschnyje Tschelny oder Nischnekamsk. Doch der Bedarf ist noch deutlich größer. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit in Russland so niedrig wie nie zuvor in der modernen Geschichte des Landes. Deshalb werden Fach- und Hilfskräfte aus dem Ausland angeworben.

Dabei setzt man nach eigenen Angaben bewusst nicht auf unkontrollierte, sondern auf organisierte und gesteuerte Migration.

Die Teilnehmerinnen des Programms sind Frauen zwischen 18 und 22 Jahren aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Für Bewerberinnen aus den GUS-Staaten gilt eine Ausnahme: Sie können bereits ab 16 Jahren teilnehmen. Vor Ort erhalten sie Sprachunterricht, berufliche Qualifizierung und einen Arbeitsplatz.

Das Interesse ist enorm. Für den letzten Ausbildungsjahrgang kamen auf einen Platz rund 360 Bewerbungen – fast dreimal so viele wie an einigen der renommiertesten russischen Universitäten. Und das für eine Stelle als Produktionsmitarbeiterin.

Wegen einer Flugverspätung kam ich erst am Ende des Russischunterrichts an. Aus dem Unterrichtsgebäude trat eine Gruppe dunkelhäutiger junger Frauen, elegant gekleidet, mit Absatzschuhen, modischen Handtaschen und sorgfältigem Make-up. Auf den ersten Blick wirkten sie eher wie Studentinnen als wie Industriearbeiterinnen.

Wer schon länger vor Ort ist, übernimmt Verantwortung für die Neuankömmlinge. Die erfahrenen Teilnehmerinnen helfen ihnen bei der Eingewöhnung, begleiten sie im Alltag und unterstützen sie auch bei ganz praktischen Dingen – etwa beim Einkauf von Kleidung oder Kosmetik. Durch ihre Arbeit verfügen die Frauen über ein eigenes Einkommen.

Laut Informationsbroschüre liegt das monatliche Gehalt zwischen 706 US-Dollar für Küchenpersonal und bis zu 1.870 US-Dollar für Berufe wie Monteurin, Fliesenlegerin, leitende Technikerin oder Fahrerin. Die Teilnehmerinnen wohnen in modernen Wohnheimen. In ihrer Freizeit sehen sie sowjetische Filme, arbeiten mit Ton, gestalten Keramik und lernen die russische Kultur kennen.

Im Unterrichtsraum stehen die Fenster offen. Draußen arbeiten Baumaschinen, drinnen stehen an der Tafel die russischen Wörter: „Ich möchte“, „Du möchtest“, „Er möchte“. Doch was möchten die jungen Frauen eigentlich?

Die 20-jährige Mistere Lyana kam vor acht Monaten aus Kamerun nach Russland. Heute spricht sie bereits erstaunlich gut Russisch, obwohl sie vor ihrer Ankunft kein Wort der Sprache beherrschte. Sie hatte eine Anzeige gesehen und sich entschlossen, in Russland zu arbeiten.

Derzeit lernt sie Russisch und bereitet sich auf den Führerschein der Klasse B vor. Sie arbeitet als Assistentin einer Kfz-Mechanikerin und wechselt Reifen, Öl und Filter. Mit Führerschein könnte sie später Pkw fahren oder sich weiterqualifizieren, um Lkw oder Busse zu steuern.

Langfristig verfolgt sie jedoch ein anderes Ziel: Geld sparen, Russisch perfekt lernen und anschließend in St. Petersburg Zahnmedizin studieren.

„Mir gefällt es hier“, sagt sie. „Ich mag die Menschen in Russland. Und ich mag den Film Anna Karenina. Früher dachte ich, die Menschen hier seien unfreundlich und würden ständig Wodka trinken. Heute sehe ich, dass das nicht stimmt. Sie sind freundlich.“

Ihre Klassenkameradin Nagitta stammt aus Uganda und ist 21 Jahre alt. Ihre lockigen Haare trägt sie zu einem festen Dutt gebunden, nur einige Locken fallen verspielt ins Gesicht.

„Ich bin gekommen, weil ich arbeiten und Russisch lernen wollte. Ich interessiere mich für die russische Kultur und Musik.“

In Uganda studierte sie Chemie an der Universität und spielte Fußball. In Russland hat sie Basketball und Hockey kennengelernt. Auch sie arbeitet als Assistentin in einer Kfz-Werkstatt.

„Gibt es in Uganda viele Automechanikerinnen?“

Sie lacht.

„Nein, eigentlich machen das dort nur Männer.“

Auch Nagitta möchte später an einer Universität in St. Petersburg studieren und ihr Chemiestudium fortsetzen.

Ihre Freundin Ininahazwe kommt aus Burundi und ist 20 Jahre alt. Sie trägt schlichte schwarze Kleidung und goldene Ohrringe. Sie spielt gern Schach, mag Borschtsch und liebt die russische Natur.

Heute arbeitet sie mit Baumaschinen. Vor ihrer Ankunft in Russland hatte sie keinerlei Erfahrung in diesem Bereich. Jetzt begeistert sie sich dafür. Nach drei Jahren möchte sie nach Burundi zurückkehren und dort ihre eigene Autowerkstatt eröffnen – vielleicht die erste Werkstatt des Landes, die von einer Frau geführt wird.

„Russisch ist schwer“, sagt sie nachdenklich. „Aber ich versuche es jeden Tag. Die Menschen hier helfen einem immer. Sie sind sehr verantwortungsbewusst.“

Später sitzen wir in einem Café. Eine Kellnerin kommt an unseren Tisch. Auch sie stammt aus Afrika. Auf ihrem Namensschild steht: Edith.

Edith kommt aus Benin, ist 22 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in Russland. Sie spart Geld, um später Ingenieurwissenschaften zu studieren.

„Edith, was gefällt dir an Russland?“

Sie lächelt.

„Das Leben. Es ist ein gutes Leben.“

Die Arbeit internationaler Personalvermittler ist nicht einfach. In vielen Ländern kursieren Vorurteile über Russland. Bewerberinnen würden mit Geschichten abgeschreckt, Russland sei gefährlich, die Menschen seien unfreundlich oder man könne dort seine Freiheit verlieren. In Simbabwe ist es nach Angaben der Organisatoren sogar untersagt, entsprechende Anzeigen in den Medien zu veröffentlichen.

Dennoch interessieren sich mehrere Länder für das Ausbildungsprogramm. In Uganda gibt es beispielsweise ein Werk zur Wartung russischer Hubschrauber. Dort arbeiten russische Spezialisten, weshalb Mitarbeiterinnen mit Russischkenntnissen gefragt sind.

Die erste Pilotgruppe startete 2023 mit lediglich 22 Teilnehmerinnen. Nur sieben schlossen das Programm erfolgreich ab.

Die Testgruppe wurde hier im Jahr 2023 zusammengestellt. Sie bestand aus insgesamt 22 jungen Frauen. Doch nur 7 von ihnen haben das Programm abgeschlossen.

Zwei von ihnen – aus Uganda und Pakistan – sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie erzählen ihren Freunden und Bekannten bereits vom Leben in Russland. Von einem guten Leben. Sie sind die neue russische „sanfte Macht“ in ihren Ländern. Die anderen sind geblieben, und vielleicht werden ihre Kinder, die in Russland geboren werden, die zukünftigen Puschkins sein.

Jedes Jahr steigt die Zahl der ankommenden jungen Frauen. Sie geht in die Hunderte und Tausende. Und wenn sie das strenge Auswahlverfahren bestehen, erhalten sie die Chance, Russinnen zu werden. In Russland oder in ihrer Heimat.

2 Kommentare:

  1. Ist kaum zu glauben, aber hört sich sehr, sehr gut an. Wenn es denn so ist, kann man nur hoffen, dass noch viele Regionen oder Städte diesem Beispiel folgen mögen.
    Und zugleich hoffe ich, dass Russland nicht auf dem gleichen Weg ist wie viele Länder in Europa, in welchen per se das männliche Wesen für schlecht und gewalttätig erklärt wird und man sich daher nun an die angeblich so sanften Frauen hält.

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  2. Werden die Frauen aus Afrika, die nun in Russland leben, eines Tages gegen die Männer aus Afrika, die nun innerhalb der EU leben, kämpfen müssen? Und sei es nur am Fliessband?

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