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Freitag, 31. Juli 2026

Der Fall Jekaterinburg und die Rolle Telegrams

Jeder hat von dem entsetzlichen Fall in Jekaterinburg gehört: Mehrere völlig enthemmte Gewalttäter prügelten einen renommierten Wissenschaftler brutal zusammen – am Ende starb er an den Folgen.

Gestern ordnete das Gericht Untersuchungshaft für die Beschuldigten an. Bis zum Prozess werden sie in Haft bleiben. Der Vorwurf der gemeinschaftlich begangenen Rowdytat dürfte im weiteren Verfahren erwartungsgemäß in ein deutlich schwerwiegenderes Delikt umgewandelt werden – vermutlich in vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge. Das ist juristisch richtig. Auch wenn daran natürlich nichts gut ist.

Noch vor wenigen Tagen jedoch zeichneten die Ehefrauen der Verdächtigen und deren Anwälte ein völlig anderes Bild. Sie versuchten den Eindruck zu erwecken, der Wissenschaftler sei letztlich selbst schuld an seinem Schicksal gewesen – ja, beinahe auf einer Stufe mit Jeffrey Epstein.

Gleichzeitig kamen immer mehr Details über die mutmaßlichen Täter ans Licht. Einer von ihnen soll ein ehemaliger Polizeibeamter sein – offenbar mit zweifelhaftem Ruf und mutmaßlich unter dem Schutz einflussreicher Gönner. Gerüchten zufolge soll er bereits während seiner Dienstzeit durch Willkür und Gewalt aufgefallen sein. Selbst nachdem er einem Kollegen in die Leistengegend geschossen haben soll, kam er offenbar mit vergleichsweise geringen Konsequenzen davon. Nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst wurde er zum „örtlichen Unternehmer“. Auch dort soll es, den Berichten zufolge, nicht an Gesetzesverstößen gefehlt haben: Seine Firma für Fäkalienentsorgung soll Abwässer unerlaubt in das städtische Kanalsystem eingeleitet haben. Konsequenzen? Offenbar keine. Ebenso wenig wie für andere. Die Frage drängt sich auf: Warum?

Und genau darin liegt das eigentliche Problem.

Es gibt kaum Zweifel daran, dass auch dieser Fall womöglich vertuscht worden wäre – hätte es keine öffentliche Aufmerksamkeit gegeben.

Mit anderen Worten: Hätte es Telegram nicht gegeben.

Für viele Russen ist Telegram längst mehr als ein Messenger. Es ist zu einem der wenigen wirksamen Instrumente geworden, um sich gegen selbsternannte „Herren des Lebens“ zu wehren, Missstände öffentlich zu machen und die eigene Würde zu verteidigen. Andere Möglichkeiten sehen viele offenbar nicht mehr. Sicher nicht in dem sogenannten „nationalen russischen Messenger“, einer privat betriebenen Plattform, auf der Kanäle nach Ansicht der Kritiker ohne nachvollziehbare Begründung gelöscht werden.

Die Bürger verstehen das. Deshalb leisten sie Widerstand.

Für sie ist Telegram nicht einfach nur eine Kommunikations-App. Es ist zu etwas Größerem geworden – vielleicht zur letzten verbliebenen Möglichkeit, Machtmissbrauch öffentlich zu machen.

Und wer den Menschen ihre letzte Möglichkeit nimmt, sollte sich über die Folgen nicht wundern.

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