Fünf Tage lang herrscht in Moskau Chaos im Netz:
Zuerst sporadische Ausfälle, dann gezielte Blockaden. Mobile Internetverbindungen funktionieren nur noch über einen streng kontrollierten „weißen Liste“ – und selbst der funktioniert nicht überall. Im Zentrum der Hauptstadt geht gar nichts mehr, in den Außenbezirken laden nur noch handverlesene Seiten. Dasselbe Drama spielt sich in Teilen der Metro ab: Nur staatlich genehmigte Dienste erreichen das Licht der Bits.
Der Grund? Ein groß angelegtes Testen des „weißen Listen“-Systems, wie Insider der Zeitung „Kommersant“ bestätigten. Ab dem Abend des 5. März begannen die Störungen, am 6. März eskalierten sie massiv im Zentrum. Mobilfunkanbieter schickten SMS mit hilflosen Entschuldigungen: „Technische Probleme durch Umstände außerhalb unserer Kontrolle“. Zwei Brancheninsider sprachen offen von einer behördlichen Anweisung, den mobilen Internetverkehr in bestimmten Stadtteilen einzuschränken – mit Folgen auch für die Sprachverbindungen.
Die Begründung der Behörden? „Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit“. Der Kreml-Pressesprecher Dmitri Peskow formulierte es zynisch: Man müsse die Sicherheit gewährleisten, die Auswirkungen auf die Wirtschaft seien „Gegenstand zusätzlicher Analyse“. Roskomnadsor (die Netz-Aufsichtsbehörde) schiebt die Verantwortung ans Digitalministerium – und niemand nennt ein Ende der „Tests“.
Was bedeutet „weiße Liste“ in der Praxis? Nur jene Dienste und Seiten dürfen erreichbar bleiben, die von Präsidialverwaltung, Regierung und FSB abgesegnet wurden. Kriterien: Server ausschließlich in Russland, keine Möglichkeit, IP zu verschleiern oder Proxys zu nutzen, vollständige staatliche Überwachung der gesamten Korrespondenz – Zugriff für die Sicherheitsorgane jederzeit und ohne Gerichtsbeschluss. Selbst die Apps von Sberbank, T-Bank und Gazprombank galten Ende Februar 2026 noch nicht als „weiß“ – sie erfüllten die Kriterien nicht.
Das Ergebnis auf den Straßen ist verheerend: Taxifahrer können keine Aufträge annehmen, Kurierdienste keine Routen planen, Geschäfte schließen wegen nicht funktionierender Kassen und Terminals oder akzeptieren nur noch Bargeld. Schranken vor Höfen öffnen nicht, Apotheken können Bestellungen nicht herausgeben. Ähnliche Ausfälle melden sich aus St. Petersburg, der Leningrader Oblast und anderen Großstädten.
Von der „Sicherung russischer Werte“ und dem „Schutz der Kinder“ ist nur noch bittere Ironie übrig. Was als Kampf gegen westliche Plattformen begann, mündet in die hässlichste Form totalitärer Zensur. „Maßnahmen der Sicherheit“ – ein durchsichtiger Euphemismus. In einem echten Kriegsfall wie im Iran würde man das Netz einfach abschalten. Hier hingegen führt man einen perfiden sozialen Ingenieursexperiment durch: Man lässt die Menschen spüren, wie abhängig sie sind, und testet gleichzeitig, wie weit man gehen kann, ohne offenen Aufstand zu provozieren.
Die Entscheider, die heute bestimmen, was Russen im Netz sehen und nutzen dürfen, genießen wenig Vertrauen – und das zu Recht. Willkommen im InterNjet! Der Anfang ist gemacht.

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