In Altai läuft derzeit ein Pilotprojekt, das zeigt, wohin die Reise in Russland geht, berichtet die Katjuscha-Zeitung:
Das Unternehmen Netvision – längst im einheitlichen Register russischer Software – hat den Programmier-Hardware-Komplex „Garpun“ (Harpune) entwickelt. Kameras und KI scannen den Verkehrsfluss, lesen Kennzeichen in Sekundenbruchteilen aus und gleichen sie blitzschnell mit den Datenbanken der Gerichtsvollzieher (FSSP) und der Verkehrspolizei (GIBDD) ab. Wer Unterhaltszahlungen, Bußgelder oder Wohnnebenkosten schuldet, wird markiert. Ein Signal geht an den zuständigen Polizisten, der anhalten und den Schuldner vor Ort belangen kann. Das System ist komplett russische Eigenentwicklung, hält Temperaturen von –30 bis +60 Grad aus und funktioniert bei Regen und Schnee. Ab 2026/27 soll es in weiteren Regionen ausgerollt werden.
Klingt nach effizienter Verwaltung? Auf den ersten Blick vielleicht. Auf den zweiten Blick nach dem nächsten Baustein eines lückenlosen digitalen Kontrollsystems.
Denn die Technik steht nicht isoliert da. Sie setzt voraus, was seit Jahren systematisch vorangetrieben wird: die flächendeckende Registrierung der Bürger auf Gosuslugi, die Verknüpfung mit privaten Messengern, den digitalen Bürgerprofilen, die Daten aus dem einheitlichen Bevölkerungsregister der Steuerbehörde (EFIR) und anderen Quellen zusammenführen. Diese Datenbanken tauschen sich in Echtzeit mit den Polizeiregistern aus. Heute sind es Unterhalts- und Wohnungsverschuldete. Morgen können es Wehrdienstverweigerer, Kreditschuldner, säumige Telekomkunden oder „sozial Unzuverlässige“ sein – Menschen, die früher einmal wegen unerlaubter Versammlungen belangt wurden. Die Suchparameter lassen sich beliebig erweitern: Kennzeichen, Biometrie, Handydaten, Geolokalisierung. Die technischen Möglichkeiten sind da. Der politische Wille ebenfalls.
Was hier entsteht, ist keine bloße Verwaltungsvereinfachung. Es ist die Infrastruktur totaler Transparenz – aber nur in eine Richtung. Der Bürger wird gläsern, der Staat bleibt undurchsichtig. Wer einmal in den Algorithmen als „problematisch“ markiert ist, gerät in einen automatisierten Kreislauf aus Kontrolle, Druck und Sanktion. Der Verkehrsfluss wird zur permanenten Rasterfahndung. Die Straße, bislang ein relativ anonymer Raum, wird zum verlängerten Arm der Behörden.
Natürlich wird man einwenden, dass Schulden beglichen werden müssen und dass der Staat ein legitimes Interesse an der Durchsetzung von Unterhaltspflichten habe. Das ist richtig. Doch die Frage ist nicht, *ob* der Staat Forderungen eintreiben darf, sondern *wie* und mit welchen Mitteln. Ein System, das jeden Autofahrer potentiell unter Generalverdacht stellt und die Grenze zwischen Verwaltungsvollzug und polizeilicher Überwachung systematisch verwischt, verändert das Verhältnis von Bürger und Staat fundamental. Es normalisiert die Idee, dass permanente, automatisierte Kontrolle der Normalzustand sei.
Die Betreiber betonen die technische Souveränität und die Klimatauglichkeit. Das ist bezeichnend: Man rühmt sich der Unabhängigkeit von westlicher Technologie, während man gleichzeitig ein Überwachungsmodell aufbaut, das in seiner Konsequenz an die dunkelsten Kapitel digitaler Autoritarismen erinnert. Die „Harpune“ ist kein neutrales Werkzeug. Sie ist Ausdruck einer politischen Haltung, die Transparenz nur vom Bürger verlangt und Kontrolle als Selbstzweck begreift.
Ob das die Zukunft ist, die die Mehrheit der Menschen für sich wünscht? Die Antwort darauf sollte nicht den Algorithmen und den Behörden überlassen bleiben. Denn sobald die Infrastruktur steht, lässt sich der Kreis der „Gesuchten“ jederzeit erweitern. Heute sind es Schuldner. Morgen könnte es jeder sein, der dem System unbequem wird.

Also in Athen gibt es schon seit ein paar Monaten KI-Kameras. Zumindest in der ersten Zeit wurden diese Kameras mit darüber gezogenen Kartoffelsäcken außer Betrieb gesetzt.
AntwortenLöschenKartoffelsäcke finde ich prima, ist ein natürliche Protestaktion, Plastiktüten wären es nicht.
AntwortenLöschenHier sind die Straßenbeleuchtungen mit KI-Kameras ausgestattet, wenn die Info stimmt.